Delir in der Akutgeriatrie und geriatrischen Rehabilitation
Gerontopsychologische Perspektiven auf Erkennen, Verstehen und Handeln
8 Einheiten
Den Link zur Online-Veranstaltung finden Sie spätestens einen Tag vor der Veranstaltung im Login-Bereich unter www.neuropsy.at/login direkt bei Ihrer Seminaranmeldung.
Klinische Psycholog:innen, Psycholog:innen, Psychotherapeut:innen, Mediziner:innen, Fachkräfte im neuro- und gerontopsychologischen Bereich, Fachinteressierte
Ziele
Das Delir gehört zu den häufigsten und gleichzeitig am häufigsten übersehenen Komplikationen im höheren Lebensalter. Besonders in der Akutgeriatrie und der geriatrischen Rehabilitation tritt es häufig infolge akuter Erkrankungen, Operationen oder medizinischer Behandlungen auf und ist mit erheblichen gesundheitlichen Folgen verbunden. Eine frühzeitige Erkennung sowie eine gezielte, interprofessionelle Behandlung können den Krankheitsverlauf entscheidend beeinflussen und langfristige Funktionseinbußen verhindern.
Aus gerontopsychologischer Sicht stellt das Delir eine besondere Herausforderung dar, da kognitive, emotionale, verhaltensbezogene und psychosoziale Faktoren eng miteinander verknüpft sind. Neben medizinischen Ursachen spielen Kommunikation, Orientierung, Beziehungsgestaltung sowie die Einbindung von Angehörigen eine zentrale Rolle in Prävention und Behandlung.
Dieses praxisorientierte Seminar vermittelt aktuelles Wissen zum Delir und verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse mit konkreten Handlungsempfehlungen für den klinischen Alltag in der Akutgeriatrie und geriatrischen Rehabilitation aus gerontopsychologischer Sicht.
Inhalt
Im ersten Teil des Seminars werden die Grundlagen des Delirs vermittelt. Die Teilnehmer lernen die Definition, die verschiedenen Erscheinungsformen (hyperaktives, hypoaktives und gemischtes Delir) sowie die diagnostischen Kriterien kennen. Es wird erläutert, warum das Delir insbesondere bei hochbetagten Menschen häufig auftritt und welche Bedeutung es für den weiteren Krankheitsverlauf besitzt.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Entstehung des Delirs. Dabei werden prädisponierende und auslösende Faktoren sowie pathophysiologische Grundlagen verständlich dargestellt. Behandelt werden unter anderem Infektionen, Operationen, Schmerzen, Medikamente, Flüssigkeitsmangel, Stoffwechselstörungen sowie sensorische Einschränkungen und Umweltfaktoren.
Darauf aufbauend werden Strategien zur Prävention und Behandlung vorgestellt. Neben der Früherkennung mithilfe geeigneter Screeningverfahren stehen insbesondere nichtmedikamentöse Maßnahmen im Mittelpunkt. Dazu gehören Orientierungsförderung, Kommunikation, Milieugestaltung, Schlafhygiene, Mobilisation, Schmerzmanagement sowie der verantwortungsvolle Umgang mit psychopharmakologischen Interventionen.
Ein besonderer Fokus des Seminars liegt auf der gerontopsychologischen Begleitung von Menschen mit Delir. Die Teilnehmer reflektieren den Umgang mit herausforderndem Verhalten, Angst, Unruhe, Halluzinationen und emotionaler Belastung. Es werden praxisnahe Kommunikationsstrategien vermittelt, die Sicherheit, Orientierung und Vertrauen fördern.
Ein weiterer Themenbereich beschäftigt sich mit der wichtigen Rolle der Angehörigen. An-gehörige können wesentlich zur Orientierung und emotionalen Stabilisierung beitragen und sind häufig unverzichtbare Informationsquellen für das Behandlungsteam. Das Seminar zeigt Möglichkeiten auf, Angehörige angemessen einzubeziehen, sie zu beraten und sie in belastenden Situationen zu unterstützen.
Da Delir, Demenz und Depression im höheren Lebensalter häufig ähnliche Symptome zeigen, widmet sich ein eigener Seminarabschnitt der differenzialdiagnostischen Abgrenzung dieser Krankheitsbilder. Die Teilnehmer lernen typische Merkmale, Überschneidungen und diagnostische Besonderheiten kennen und erhalten Hilfestellungen für den klinischen Alltag.
Ein zusätzlicher Schwerpunkt widmet sich der Frage, wie Kliniken eine strukturierte Delir Gruppe bzw. Delir Arbeitsgruppe etablieren können. Vorgestellt werden mögliche Aufgabenfelder einer solchen Gruppe – etwa die Entwicklung interprofessioneller Standards, die Koordination von Präventionsmaßnahmen, die Qualitätssicherung, die Schulung von Mitarbeitern sowie die fallbezogene Beratung im klinischen Alltag. Die Teilnehmer erhalten Einblick in unterschiedliche Modelle, lernen Chancen und Grenzen kennen und reflektieren, wie sie selbst aktiv an der Gestaltung oder Weiterentwicklung einer Delir Gruppe mitwirken können.
Abgerundet wird das Seminar durch die Auseinandersetzung mit ethischen und rechtlichen Fragestellungen. Thematisiert werden unter anderem Selbstbestimmung und Fürsorge, Einwilligungsfähigkeit und Entscheidungsfähigkeit, freiheitsbeschränkende Maßnahmen, Deeskalation sowie die Verantwortung der verschiedenen Berufsgruppen im interprofessionellen Team.
Die theoretischen Inhalte werden anhand von Fallbeispielen aus der Akutgeriatrie und geriatrischen Rehabilitation vertieft und gemeinsam diskutiert. Ziel ist es, Handlungssicherheit im Umgang mit deliranten Patienten zu stärken und die Umsetzung evidenzbasierter Maßnahmen im Berufsalltag zu fördern.
Lernziele
Nach Abschluss der Fortbildung können die Teilnehmer:
- das Delir definieren und seine klinischen Merkmale beschreiben,
- die verschiedenen Delirformen unterscheiden,
- Risikofaktoren, Ursachen und Entstehungsmechanismen erklären,
- Delir, Demenz und Depression sicher voneinander abgrenzen,
- geeignete Screening- und Beobachtungsinstrumente im klinischen Alltag anwenden,
- evidenzbasierte Präventions- und Behandlungsmaßnahmen planen und umsetzen,
- gerontopsychologische Kommunikations- und Interventionsstrategien anwenden,
- Angehörige professionell beraten und in die Versorgung einbeziehen,
- ethische und rechtliche Fragestellungen reflektieren und angemessen berücksichtigen,
- interprofessionelle Handlungskonzepte für die Akutgeriatrie und geriatrische Rehabilitation entwickeln,
- die Aufgaben, Strukturen und Möglichkeiten einer klinischen Delir‑Gruppe verstehen und aktiv an deren Gestaltung oder Weiterentwicklung mitwirken.
Literaturempfehlung
American Psychiatric Association (APA) (2018): Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen DSM-5®. Deutsche Ausgabe hrsg. von Peter Falkai und Hans-Ulrich Wittchen. Mitherausgegeben von Manfred Döpfner, Wolfgang Gaebel, Wolfgang Maier, Winfried Rief, Henning Saß und Michael Zaudig. 2. Aufl. Göttingen.
AWMF (2025): S3-Leitlinie Delir im höheren Lebensalter – Eine transsektoral umsetzbare, interdisziplinär-interprofessionelle Leitlinie zu Delir-Prävention, -Diagnostik und -Therapie beim alten Menschen. Berlin.
Dilling, Horst; Mombour, Werner; Schmidt, Martin H. (2015) (Hrsg.): Internationale Klassifikation psychischer Störungen. ICD-10 Kapitel V (F). Klinisch-diagnostische Leitlinien. 10. Aufl. unter Berücksichtigung der Änderungen entsprechend ICD-10-GM 2015. Bern. Dräger (2025): Delir. Pathophysiologie und Ursachen. Lübeck.
Fischer, Peter; Assem-Hilger, Eva (2003): Delir / Verwirrtheitszustand. In: Förstl, Hans (Hrsg.): Lehrbuch der Gerontopsychiatrie und -psychotherapie. Grundlagen – Klinik – Therapie. 2. Aufl. Stuttgart / New York, S. 394-408.
Fleischmann, Robert; Kübler-Weller, Dorothee; Mengel, Annerose; Stötzner, Philip; Zilezinski, Max (2026): Klinikleitfaden Delir. Delirmanagement interdisziplinär und multiprofessionell – Ein Leitfaden für die Kitteltasche. 1. Aufl. Stuttgart.
Hermes, Carsten (Hrsg.) (2023): Delir. Prävention, Therapie und Pflege im interprofessionellen Team. München.
Hermes, Carsten; Nydal, Peter (2020): Delir – eine Aufgabe für alle. In: Pflege Zeitschrift, 73 (3), S. 16-18. DOI: 10.1007/s41906-019-0654-6.
Hewer, Walter; Thomas, Christine; Drach, Lutz M. (Hrsg.) (2016): Delir beim alten Menschen. Grundlagen – Diagnostik – Therapie – Prävention. Stuttgart.
Rahman, S. (2024): Delir kompakt. Delirmanagement bei akut neurokognitiv beeinträchtigen Personen. Bern.
Savaskan, Egemen; Hasemann, Wolfgang (Hrsg.) (2017): Leitlinie Delir. Empfehlungen zur Prävention, Diagnostik und Therapie des Delirs im Alter. Bern.
Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) (2026): Vorbeugung von Delir bei älteren Menschen. Was man wissen sollte und was man tun kann. ZQP-Kurzratgeber. Berlin.
Seminarleitung
Anrechnung
NEUROPSY Weiterbildungscurriculum Klinische Neuropsychologie
Neuropsychologische Behandlung (8 EH)
NEUROPSY Weiterbildungscurriculum Gerontopsychologie
Gerontopsychologische Behandlung (8 EH)
GNP Akkreditierung (wird angesucht)
8 Stunden zu Spezielle NPS: Versorgungsspezifische Kenntnisse
SVNP Anrechnung
8 Credits
Psychotherapeutenkammer Bayern
10 Punkte
